ZEITZEUGNIS: Schreiben vom 11. Mai 1968 von Dr. rer. nat. Gehrt gegen die Sprengung der Garnisonkirche.

„Turmrede“

„Ja! Wir werden Türme haben, zum Beispiel einen Turm fürs Rathaus, einen Turm fürs Kulturhaus. Andere Türme können wir in der sozialistischen Stadt nicht gebrauchen.“

Walter Ulbricht, “Turmrede”, 7. Mai 1953, Stalinstadt (Eisenhüttenstadt)

Zur Sprengung der Garnisonkirche wurde von staatlicher Seite zielgerichtet vorgegangen und im Rahmen des Systems die gesetzlichen Absicherungen benutzt.

1. Als Planungsrahmen der städtische Generalverkehrsplan
2. Die Erklärung zum staatlichen Aufbaugebiet.
3. Die Legitimierung durch die SVV Potsdam
4. Die Zahlung einer Entschädigung an den Eigentümer, die Kirchgemeinde

In der DDR gab es keine, und erst recht keine unabhängigen Verwaltungsgerichte. Klagen waren also nicht möglich. Einsprüche konnten an das nächsthöhere Aufsichtsorgan gerichtet werden oder als Bürgereingabe an den Staatsrat. Aber von dessen Vorsitzenden kam ja der Auftrag. Die Beantwortung der Eingaben konnte verschleppt werden, obwohl in den Verwaltungen eine 14-Tage-Frist üblich war.

Die Presse stand unter Kontrolle, bzw. Selbstkontrolle. Als Leserzuschriften gelenkte Artikel bemängelten die starke Einengung der Straße durch den Sicherheitszaun, der vor angeblich herabfallenden Bauteilen des Turms schützen sollte, und forderten den Abriss.

In dieser Situation schrieb Dr. rer. nat . Ewald Gehrt am 11. Mai 1968 folgenden Brief an den Vorsitzenden der National-Demokratischen Partei Deutschlands Herrn Dr. L. Bolz

Argumente und Gegenargumente. die den geplanten Abriß der ehemaligen Garnisonkirche in Potsdam betreffen.

Dr. rer. nat. Gehrt gehörte mir Dr. Gerhard Falk zu einer der wenigen, die sich mutig gegen den Beschluss zu Sprengung der Garnisonkirche in SVV-Versammlung gestellt haben.

We die Garnisonkirche fiel … PNN von Von Erhart Hohenstein
Die Sprengung des Turms der Garnisonirche, ihre letzte Stunde / Ein Erinnerungsbericht

„Als wesentliche Maßnahme zur Durchsetzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ist mit dem Baubeginn des Rechenzentrums am Standort Plantage die Voraussetzung für die Anwendung der elektronischen Datenverarbeitung … im Jahre 1969 zu schaffen.“ Diese nüchtern klingende Festlegung sollte mit dem gesamten Jahresvolkswirtschaftsplan von den Stadtverordneten am 8. Februar 1968 wie üblich einstimmig abgenickt werden. Dazu kam es aber nicht. Der junge Abgeordnete Siegfried Lachmann, der für die Freie Deutsche Jugend (FDJ) im Stadtparlament saß, erhob sich und stellte die Anfrage, ob der Bau des Rechenzentrums denn nicht den Abriss der Garnisonkirche voraussetze. Darauf verweigerte Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke die Antwort. Erst als sie von Tagungsleiter Fritz Strömbach (SED), der einen Rest demokratischen Verständnisses bewahrt hatte, dazu aufgefordert wurde, beantwortete sie die Frage mit Ja. Daraufhin stimmte Lachmann als einziger gegen den Volkswirtschaftsplan, ein in der Geschichte der DDR-Kommunalvertretungen einmaliger Vorgang.

Mit dem Auftritt Siegfried Lachmanns war der Versuch gescheitert, der Abrisspläne für die Garnisonkirche geheim zu halten. Auch die Weigerung der Oberbürgermeisterin, die Kirchenleitung zu informieren, flog durch einen unfreiwillig komischen Zwischenfall auf. Am 6. März meldete sich ein forscher junger Mann beim Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde: „Guten Morgen, mein Name ist Weber, ich komme von Bohr- und Sprengtechnik Berlin …“ Die Folgen der Enttarnung überraschten die SED-Politiker. Nach der „Wende“ 1989 wurden 203 Eingaben aufgefunden, in denen die Erhaltung der Garnisonkirche gefordert worden war. Dazu zählten Schreiben von hochrangigen Kirchenvertretern und Denkmalpflegern aus der Bundesrepublik, Schweden, Österreich und der Schweiz. Auch in Potsdam regte sich erheblicher Widerstand. So stellte uns der Oberstufenlehrer Dr. Ewald Gerth eine Protestresolution zur Verfügung, die er gemeinsam mit dem Architekten Günter Vandenhertz, dem Geophysiker Dr. Jörg Byl und dem Vermessungsingenieur Dr.-Ing. Joachim Rauhut am 25. April 1968 an die Stadtverordnetenversammlung gerichtet hatte. Im Heimatmuseum (heute Potsdam-Museum), wo Lachmann als Grafiker angestellt war, setzte sich die Leitung gegen den Abriss zur Wehr. Nicht als „Widerstandsgruppe“, wie der Stadthistoriker Hartmut Knitter heute sagt, sondern indem sie ein Konzept zur Erhaltung der Kirche und ihrer Nutzung als Mahnstätte gegen Faschismus und Krieg und zum Gedenken an die Bombenopfer des 14. April 1945 vorlegte.

Die Vernichtung des hochwertigen Zeugnisses barocker Sakralbaukunst konnten all diese Versuche nicht aufhalten. Bereits am 16. November 1949 war der Abriss durch das Sekretariat der SED-Landesleitung auf die Tagesordnung einer Blocksitzung gesetzt worden, aber am Widerstand des (später in den Westen gegangenen) CDU-Vertreters Arno Voigt gescheitert. Jahre der Hoffnung folgten, in denen die Kirche in der Turmruine eine Kapelle einrichtete, wo sich zahlreiche Potsdamer trauen und ihre Kinder taufen ließen. 1966 wurde der Turm nach einem Projekt des Kirchenältesten J. Briesemann durch Einziehen von zwei Stahlbetondecken gesichert. Dann aber stoppte das SED-Bezirkssekretariat nach einer geheimen Sitzung vom 1. August 1966 die Arbeiten. Die Nutzung der Kapelle wurde untersagt, der letzte Gottesdienst fand am 31. Oktober 1966, dem Reformationstag, statt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte FDGB-(Gewerkschafts)-Chef Herbert Warnke nach einem Potsdam-Besuch den Abriss der Kirche wieder auf die Tagesordnung des SED-Politbüros gesetzt. Das letzte Wort sprach SED-Generalsekretär Walter Ulbricht, der während eines Stadtbesuchs am 23. Juni 1967 in makabrer Kürze entschied: „Das Ding muss weg.“ In einer anschließenden Wahlveranstaltung in der Sporthalle behauptete er, mit dem Tag von Potsdam am 21. März 1933, dessen Hauptschauplatz die Garnisonkirche war, „bestätigte sich, dass der Nationalsozialismus legitimer Erbe und Fortsetzer des stockreaktionären preußisch-deutschen Imperialismus war. So feierte der Ungeist von Potsdam neue Orgien, die in das Grauen des zweiten Weltkrieges endeten.“

Die Hardliner der SED-Bezirksleitung, allen voran der 1. Sekretär Werner Witttig und der Vorsitzende des Rates des Bezirkes, Herbert Puchert, sprachen sich vehement für den Abriss aus. So forderte Puchert am 27. Dezember 1966 den DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph auf, „dieses Symbol des preußischen Militarismus aus dem Gedächtnis der Bürger der Stadt zu tilgen.“

Am 28. April 1968 beschloss dann auch die Stadtverordnetenversammlung den Abriss der Kirchenruine. Die Sondersitzung war gründlich vorbereitet worden. Der Abriss wurde nicht politisch begründet. Angeblich müsse die Ruine als Hindernis für die Verkehrsführung und wegen des Baus einer Fernwärmeleitung abgerissen werden. Außerdem wurde, damals ungewöhnlich, ein Geschäftsordnungsbeschluss gefasst, nach dem nur Abgeordnete Rederecht erhielten. Damit kam die Vertretung des Kreiskirchenrates, die schriftlich eine Stellungnahme angemeldet hatte, nicht zu Wort. Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke wurde aus der Schusslinie genommen. Sie nahm an der Abstimmung nicht teil, weil sie angeblich eine Übung der DDR-Zivilverteidigung leiten mussten. Auch Siegfried Lachmann fehlte – wegen eines „regulären“ Urlaubs. In der Sitzungspause wurden die Pressevertreter vom Stadtrat für Inneres, Heinz Nutbohm, zum Stillschweigen verpflichtet. Alle, auch der Verfasser dieser Zeilen, folgten diesem Diktat.

In dieser Situation nahm sich der Vorsitzende des Kulturausschusses, Dr. Gebhard Falk, ein Herz. Er forderte die Abgeordneten auf, „ihre Entscheidung frei zu machen von allen ideologischen Vorurteilen“. Es gebe keinen Grund, das Baudenkmal dafür zu bestrafen, dass es 1933 von den Nationalsozialisten für den Tages von Potsdam missbraucht worden war. Nach diesem Appell stimmten vier Abgeordnete, zwei der LDPD und zwei der CDU, gegen den Abriss. Sie boten damit ein für die DDR-Zeit ungewöhnliches Beispiel an Zivilcourage, verhindern konnten sie die Vernichtung der Kirche nicht.

Am 3. Mai 1968 wurde die Heilig-Kreuz-Gemeinde durch den Rat der Stadt ohne Vorankündigung von der Enteignung des Grundstücks informiert. Nachdem das Kirchenschiff bereits abgetragen war, wurde die Sprengung des Turms für den 19. Juni 1968 angesetzt. Doch der Turm wehrte sich. Als sich die Staubwolken verzogen hatten, stand er, an einer Seite zusammengesackt, noch immer. Am 23. Juni – heute vor 40 Jahren – erfolgte eine zweite Sprengung, die von Hunderten Potsdamern beobachtet und heimlich aus Dachfenstern nahegelegener Gebäude fotografiert wurde. Lachmann und Knitter blieb nur die „Trauerarbeit“. So bezeichneten sie die Bergung von Fragmenten des Baudenkmals aus dem Schutt und ihre Einlagerung in Depots des Museums. Auch ein Rest des berühmten Glockenspiels blieb erhalten. Sonst aber verfolgte das SED-Regime sogar die Trümmer der gesprengten Kirche mit blindem Hass. Anträge von Baubetrieben, die Ziegel wiederzuverwenden, wurden abgelehnt. Sie wurden vielmehr in einer am Brauhausberg aufgestellten Anlage zermahlen und am Heineberg verkippt. Damals wurde das Wort vom „Krieg gegen die Steine“ geprägt.