Auf der Suche nach der Pots-Moderne

Unsere neue Themenreihe TEIL I

Es ist hohe Zeit sich Gedanken darüber zu machen, wie es in der Potsdamer neuen/alten Mitte weiter gehen soll.

Das Leitbautensysthem ist hier der Fahrplan, sozusagen das grobe Gerüst, aber an die 90% der Bauten um den Alten Markt herum sollen modern gebaut werden. Wie werden diese Bauten aussehen? Wie werden sie sich in das Gefüge der Leitbauten einordnen? Lässt man da dem Zufall die Freiheit oder bedarf es da regulierender Bestimmungen?

Nun, modernes Bauen hat so viele Bürger in Potsdam oftmals schwer enttäuscht. Denken wir dabei an den Bahnhof, die IHK, die Kastenstadt von Semmelhack hinterm Bahnhof oder auch an die neue Bibliothek. Immer wieder erwischt man sich dabei zu denken: “Das hätte auch wirklich schöner gelingen können! “Das Beste, was man mitunter von Mitbürgern zu hören bekommt, ist: „Nun so schlimm ist es nun auch wieder nicht!“ oder „Es hätte schlimmer kommen können!“

Und wenn man sich dann noch anschaut, was geplant wird, überkommt einen schon mal die schiere Angst. Was wir da mitunter in die Gegend betoniert bekommen, wie zum Beispiel das neu geplante Schwimmbad am Brauhausberg, oder die gläsernen Würfel der ILB an der neuen Fahrt , gegenüber vom Bahnhof, entbehren jedes Feingefühl für die Potsdamer Baukultur.

Wir finden:
Schluss mit dem Aufrüsten unserer Städte und Straßen mit kistenförmiger Meterware, Mitteschön wünscht sich für die Potsdamer Mitte spezifisches modernes Bauen.
FORTSETZUNG FOLGT

TEIL II Aber wie?

Der Maßstab für Potsdams Moderne kann nicht Dubai, Hongkong, Bielefeld oder Dortmund sein.

Hier gilt „Potsdamer Maß“. Wir sollten gerade beim Wiederaufbau der Potsdamer Mitte die Chance nutzen, Gebäude in qualitätsvoller, unverwechselbarer, moderner Architektur zu schaffen, damit ein attraktives Stadtbild entsteht, das sich durch hohe Lebensqualität auszeichnet.

Wir sagen zum modernen Bauen ja! Aber wir wollen es Potsdam typisch, dem Ort angemessen, innovativ und einfühlsam, sozusagen eine „Potsdamer Moderne“.

Eine „Pots´-Moderne“ – so wollen wir sie mal nennen – sollte sich über das gründliche wissenschaftliche Studium der Potsdamer Bautradition aus einem Gesamtkonzept von Architektur, Natur, Bewegungsabläufen sowie unterschiedlichster Nutzungen der verschiedenen Generationen für eine gesunde Maßstäblichkeit ableiten.

Nicht jedes Problem muss ein „Star-Architekt“ lösen. Wenn die Hochschulen mit ihren Studenten hier Kreatives beitragen und eigene Kräfte entwickeln, so ist das zu begrüßen.

Dazu gehört auch die Debatte um die DDR-Architektur in unserer Stadt. Es geht uns dabei nicht um „Abriss“ um jeden Preis, sondern um ein jeweiliges sorgfältiges Abwägen der Pro & Contras. Der Erhalt des Café Minsk am Brauhausberg als qualitativ einzigartige DDR-Architektur am richtigen Standort möge dafür ein Beispiel sein.

Für Potsdam ist das Verständnis für ein städtebauliches Gesamtkonzept Voraussetzung für gutes Bauen. Der isolierte Blick auf Einzelobjekte reicht da nicht aus, ist zu kurz gesprungen. Das alte Potsdam war über Jahrhunderte mit seinen verschiedenen Stilen und erweiterten Nutzungen auch immer ein Lehrstück für Einfühlsamkeit in eine schon vorhandene Bausubstanz (Stichwort: Respekt vor der Lebensleitung der Generationen vor uns —auch aus der Zeit der DDR— und Weiterentwicklung des Erbes). Sogar bis in die 30´er Jahre des 20. Jh. und den folgenden frühen 50ér Jahren des frühen Sozialismus wurden diese Prinzipien nachweislich bedacht.

Wenn man Potsdam als Gesamtensemble sieht, daraus ein Gesamtkonzept für die Weiterentwicklung erstellt, müssen sich daraus im innerstädtischen Bereich städtebauliche Regularien, wie zum Beispiel Gestaltungssatzungen und Einzelvorgaben ableiten. Aber wie sollten die aussehen und wie weit sollte man Vorgaben zulassen?

Warum wird Potsdam als eine der schönsten Städte gesehen und bereist?? Weshalb ziehen immer mehr Menschen in unsere Stadt? – Doch wohl kaum wegen des Bahnhof-Centers mit eingezwängtem Wasserturm, wohl auch nicht wegen dem Staudenhof oder wegen der Fachhochschule.

Auch der neu erstandene Wissensspeicher am Platz der Einheit, der letztlich die moderne Interpretation des ursprünglichen DDR-Baus ist, symbolisiert stadtkompositorisch die Aussage: „Ich weiß es nicht besser“

Man stelle sich unsere Stadt ausschließlich mit den Bauten des 20‘igsten Jahrhunderts und der letzten Jahre vor – man schließe die Augen und lasse dieses Bild entstehen – keine barocke Stadterweiterung, kein Holländisches Viertel, keine Nikolaikirche, keine französische Kirche, keine alten Stadtvillen! Dafür die Heilig-Geist-Kirchen-Imitation als Seniorenheim, IHK, Bahnhof….u.ä. Es wäre nicht mehr Potsdam, es wäre eine beliebige örtlich nicht auszumachende Stadt!

Ja selbst das von vielen so geliebte Mercure könnte man beliebig in jeder anderen Stadt aufstellen, es wäre immer wieder die betongraue Nachkriegsmoderne, wie man sie überall in ganz Deutschland, ja sogar in den meisten europäischen Ländern antrifft.

Fortsetzung folgt.

Teil III Warum ist das so?

Nun, heute baut man vorrangig funktionalistisch, billig und im zelebrierten „Kontrast“ zu allen vorherigen kreativen Architekturleistungen der Vergangenheit. Arbeiteten die Bau-“Meister” des Barockzeitalters und auch danach mit Gestaltungs-Kriterien, die zunächst allgemeingültig aus der Natur entlehnt sind, so scheinen das heute vergessene architektonische Prinzipien zu sein.
Prinzipien wie: Symmetrie und Asymmetrie, Statik und Dynamik, Rhythmus, Proportion und Gliederung nach dem „Goldenem“ und „Silbernen Schnitt“ scheinen verschwunden oder jedenfalls stark vernachlässigt.

Verschwunden sind die Plastizität der Fassaden, die Gliederung der Hierarchie von großen und kleinen Baumassen, die Lichtführung und Schattenbildung. Das alles aber dient der elementaren visuellen und emotionalen Wahrnehmung und Begreifbarkeit eines Hauses. Das alles lässt uns, wenn es fehlt, einen Bau hässlich erscheinen. Wichtig bei einem Ensemble sind dabei die Angleichungen zur Nachbarschaft und zum Gegenüber, sie sind sozusagen ästhetisch und sozial zwingend.

Sogenannte frühere „Ungenauigkeiten“ in Maß und Rhythmus entpuppen sich bei näherer Betrachtung als raffinierte Regulierungsmittel der damaligen Baumeister. Zum Beispiel sind die Seitenflügel des Stadtschlosses für die perspektivische Raumwirkung des Alten Markts bewusst unterschiedlich breit ausgeführt, oder die Kuppel der Nikolaikirche wirkt aus menschlicher Perspektive von unten aus gesehen wie eine „perfekte Kugel“ und ist konstruktiv aber eher ein Ei.

Für dieses Können in Rhythmus, Komposition und Perspektive gab es einst allgemein verbindliche und zu lernende Regeln, mit deren Beherrschung sich über Handwerk und Phantasie im Laufe von tausenden Jahren die endlose Vielfalt von Kunst und Kultur widerspiegelt. Das alles hat in der heutigen Architektur kein Gewicht mehr (ausgeschlossen von wenigen Ausnahmen) und ist in der Fachwelt sogar oftmals verpönt! Alte Städte strahlen meist pralle Urbanität aus. Straßen und Plätze werden hier stark von den Bewohnern frequentiert und zur Kommunikation genutzt.

Diesen Anspruch an Urbanität kann zum Beispiel die in Beton gegossene „Moderne“ der Breiten Straße mit dem Charme einer „Aufmarschfläche“ und „Reichsautobahn“ nachweislich bisher nicht leisten. Zurzeit entsteht dort (sehr lobenswert) ein weiteres Studentenheim, doch leider in seiner äußeren Form ebenso gleichmacherisch grau und betont „rechtwinklig“ wie die anderen bereits bestehenden, ohne Fassadengestaltung und Farbe. Die Wirkung der ehemaligen berühmten Potsdamer Flaniermeile tendiert damit weiterhin zur „Kasernenstraße“ mit Endlosverkehr.
Wieder wurde eine Chance auf Lebendigkeit dieser Straße vertan. Eine schicke Studentenkneipe rettet das grau bis grauenhafte Desaster auch nicht, die Aufenthaltsqualität der Straße dümpelt am Bodensatz.

Eine wirklichkeitsnahe und menschliche Moderne mit Qualitätsanspruch darf sich nicht in toten Kisten wiederfinden, sondern Bautradition aufnehmen, um sie modern zu modifizieren. Auch sollte sie neben den technischen Möglichkeiten die jüngsten Erkenntnisse aus Psychologie und Soziologie, sowie wesentliche Elemente der Natur (Grün, Wasser, Energie) zwingend mit einbeziehen.
Nur so bekommen wir einen Stadtraum, der dem Ort entspricht und auch nachhaltig ist.

Potsdam sucht seinen Weg...wir wollen mithelfen, zu suchen!