Leitbauten ohne Leidtragende

Stellungnahme von Mitteschön zur aktuellen Diskussionen um eine Bestandssicherung des Wohnblocks am Staudenhof.

Am 1. September 2010 hat die Stadtverordneten- versammlung mit Zweidrittelmehrheit das Leitbautenkonzept zur Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte beschlossen. Dem gingen intensive Diskussionen voraus, in die auch Vertreter von Mitteschön einbezogen waren. Das Leitbautenkonzept ist mit der Festlegung von Blockrandbebauung auf dem historischen Stadtgrundriss, Höhen- und Gestaltungs- vorgaben, mehreren Leitfassaden und eines Leitbaues die bisher konkreteste Umsetzung des Grundsatzbeschlusses von 1990 zur „Annäherung an den historischen Stadtgrundriss“.

Leitgedanke: Das Leitbautenkonzept stellt die Abkehr von städtebaulichen Planungen der sozialistischen Ideologie dar, die durch bewusste ideologische Zerstörung der innerstädtischen Struktur und Maßstäblichkeit, vom Funktionalismus sowie der Nachkriegsökonomie gekenn- zeichnet ist.
Das Leitbautenkonzept nimmt Bezug auf die Jahrhunderte gewachsene Raumstruktur der europäischen Stadt und knüpft an die unterbrochene Kontinuität vor der Zerstörung der Stadt wieder an. Für Potsdam ist die Blockrandbebauung ein typisches innerstädtebauliches Merkmal.

Spätestens seit der internationalen Planungswerkstatt im Jahr 2006 wurde der mittelfristige Abriss des Blocks am Staudenhof durch die Verwaltung und die Mehrheit der SVV als alternativlos angesehen!
Deshalb bleiben der jüngste Beschluss der SVV und die Argumente des Baubeigeordneten unverständlich. Bei einem langfristigen Erhalt des Staudenhofblocks müsste gefragt werden, welche Gebäude in der Potsdamer Mitte zwischen Alter Fahrt und Am Kanal (Leitbautenkonzept) zukünftig die Leitfunktion übernehmen sollen, Bibliothek und Staudenhofblock oder Stadtschloss, Altes Rathaus und Palast Barberini. Dazu bedarf es keiner Machbarkeitsstudie!
Bei einer Bestandssicherung des Staudenhofblocks wären die Wiederherstellung des historischen Platzes an der Nordseite der Nikolaikirche und die der Kaiserstrasse, wie sie vom Leitbautenkonzept als Ziel höchster Priorität formuliert wird, nicht möglich.
Darüber hinaus würde eine Bestandssicherung des Wohnblockes Am Alten Markt 10 die beabsichtigte Entwicklung der Karrees nördlich des Alten Marktes nachhaltig behindern.
Wegen seiner Lage und Dimensionen ist der Staudenhofblock nicht in das Leitbautenkonzept für die Mitte integrierbar.

Begründung:

  • Das umzusetzende Baurecht schließt bei Erhalt des Wohnblocks eine Blockrandbebauung auf dem ursprünglichen Stadtgrundriss aus.
  • Alle anliegenden Quartiere würden auf Grund der Maßstab prengenden Größe des Wohnblockes in ihrer Wertigkeit stark sinken.
  • Die nicht absehbaren Bautätigkeiten am überdimensionierten Wohnblock wären ein großes Hindernis für künftige Investoren der benachbarten Quartiere.

Welche Bauherren würden vis-à-vis des siebengeschossigen, monolithischen Blocks kleinteilig parzellierte Stadthäuser mit maximal vier Geschossen und Dach bauen wollen? Wenn Investoren sich auf viele stadtverträgliche Auflagen einlassen sollen: dann nur nach gleichem Maß wie die Nachbarn.

In Anbetracht dessen, dass die jetzigen Mieten im unsanierten Zustand nicht preiswert, sondern nur bezahlbar sind auf Grund der geringen Wohnungsgröße von ca. 30m ², muss eine neue inhaltliche Diskussion stattfinden.
Richtig ist, für die Mitte einen angemessenen Anteil an bezahlbarem Wohnraum zu fordern. Dafür ist die städtische Gesellschaft Pro Potsdam in der Pflicht. Aber es wäre widersinnig, dafür einen Wohnblock zu erhalten, der einem städtebaulichen, wirtschaftlichen und politischen Irrweg entsprungen ist. Wenn mit dem Block Gewinne erwirtschaftet werden, dann können diese über die verbleibende Standzeit von ca. 10 Jahren angespart und für eine Neubebauung im Rahmen des integrierten Leitbautenkonzepts eingesetzt werden. Damit wäre auch die Pro Potsdam in der Lage, neuen Wohnraum in einem attraktiven Mietsegment zu schaffen, der den Anforderungen an die wieder gewonnene Potsdamer Mitte genügt: „Grundlage für den Wiederaufbau ist der historische Stadtgrundriss und die Maßstäblichkeit im Aufriss, die durch Parzellierung und Höhenentwicklung sicherzustellen ist.“ (Leitbautenkonzept)

Mit ca. 9.000 m² Bruttogrundfläche (umgangssprachlich Bruttogeschossfläche) bietet das Leitbautenkonzept im betrachteten Block V auf den nicht dem Alten Markt zugewandten Blockrändern ausreichend Potenzial für Wohnungsbau durch die Pro Potsdam. Mit zusätzlicher Blockinnenbebauung kann leicht das derzeitige BGF-Potential des Staudenhof-Wohnblocks von ca. 12.500 m² erreicht werden. Zusätzlich steht die Blocksüdseite hinter der Nikolaikirche mit dem Leitfassadenbau „Palazzo Capra“ (östliche Ecke Alter Markt / Kaiserstraße) mit ca. 1.300 m² BGF sowie der östlich davon gelegenen Neubebauung mit zeitgenössischer Architektur von ca. 2.500 m² BGF zur Verfügung. Somit kann für den Block V mit der im Leitbautenkonzept beschlossenen Bebauung insgesamt ein Potential von ca. 16.000 bis 17.000 m² BGF erreicht werden.

Im Übrigen zeigt der Wohnblock am Staudenhof die bekannten und typischen Probleme von Plattenbauten der 60er und 70er Jahre: mangelhafte Wärmedämmung, Belichtung, Schallschutz sowie Bauschadstoffen (z. B. Asbest). Die notwendigen Sanierungsmaßnahmen würden sowohl das Mietniveau verändern als auch den Ertrag drastisch reduzieren, den die Pro Potsdam mit
diesem Gebäude z. Zt. erwirtschaftet. Wegen der vorhandenen Kleinstwohnungen wären nicht nur beim Abriss, sondern auch im Falle einer Sanierung Ausweichwohnungen für die Mieter erforderlich. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob diese Blockbebauung das Wohnungsproblem löst, oder vielmehr besser nach weiteren Standorten gesucht werden muss? Eine Bestandsaufnahme hinsichtlich des Bauzustands würden weitere wertvolle Erkenntnisse zum Kosten-Nutzen-Verhältnis liefern.

Eine nüchterne Bewertung aller Fakten lässt nur den Schluss zu, dass nicht die Grundlagen des Leitbautenkonzept zur Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte zur Disposition gestellt werden dürfen, sondern die Pro Potsdam durch einen politischen Beschluss zur weiteren aktiven Mitwirkung an dessen Umsetzung verpflichtet werden muss. Wenn diese ein schlüssiges Konzept zum mittelfristigen Abriss des Wohnblocks am Staudenhof verfolgt, könnten dessen jetzige Bewohner auch zukünftig in der Mitte wohnen und dann in Wohnungen, die nicht die heutigen Mängel aufweisen. Das Leitbautenkonzept kann ohne Leidtragende umgesetzt werden!
So ist auch nach Annäherung an den historischen Stadtgrundriss kostengünstiger Wohnraum in der Mitte möglich. Allerdings muss einerseits die städtische Gesellschaft dafür in die Pflicht genommen werden und andererseits die Möglichkeit gegeben werden, ihre Gewinne dafür einzusetzen.