"Plattner-Spende reicht für ganze Fassade!"
Getreu dem Motto von „mitteschön“ – wir haben ein Auge drauf!“ – ist die Beantwortung einer Anfrage von Frau Dr. Ludwig vom 6. Juli 2010 durch den Finanzminister genauer geprüft worden.
Frau Dr. Ludwig hat u.a. angefragt: „Wofür werden die 21,5 Mio. Euro der Hasso-Plattner-Förderstiftung im Einzelnen genau eingesetzt?“
Der Finanzminister antwortet darauf wie folgt: (Zitat) „Nach Fertigstellung und Abnahme des Gebäudes wird die Summe, die dem Land aufgrund der Zuwendung der Hasso-Plattner-Förderstiftung zuzüglich Zinsen zur Verfügung steht, als Einmalzahlung an die BAM PPP Landtag Potsdam Projektgesellschaft GmbH (BAM) geleistet. Die BAM ist nach der Verdingungsunterlage verpflichtet, die straßenseitigen Fassaden sowie die Kopf- und Flügelbauten nach einer genauen Vorgabe herzustellen (Anlage B 2.18 der Verdingungsunterlager). Im Einzelnen wird die Einmalzahlung für
- die Flügelbauten
- die Fassadenschichten der Kopfbauten einschließlich Fenster … verwendet“ (des weiteren werden die Seitenflügel und der Südflügel einschl. Kutschauffahrt und Fahnentreppe des Südflügels aufgeführt).
Das ist so jedoch nicht ganz richtig! Die BAM erhält nämlich keine Anteile aus der Spende für die Fassadenschichten der Kopfbauten einschließlich Fenster!
Zur Begründung:
Das Architektenbüro Waechter & Waechter stellt in der von ihm erstellten Machbarkeitsstudie vom Februar 2006 fest, dass ein funktionsfähiges modernes Parlamentsgebäude unter Wahrung der historischen Proportionen und der historisch getreuen Rekonstruktion der nördlichen Kopfbauten möglich ist.
Die Seitenflügel im Anschluss an die nördlichen Kopfbauten und der Südflügel sollten die horizontale und vertikale Gliederung und die Prinzipien der historischen Gestalt aufnehmen, nach Geschossigkeit und Materialität den Funktionsanforderungen des Landtags folgen – bekannt gemacht durch die Presseerklärung vom 15.2.2006, in der präzisiert ausgeführt wird:
„Originalgetreue Rekonstruktion der nördlichen Kopfbauten am Alten Markt mit Nikolaikirche und Rathaus, Nutzung vorgesehen für Fraktionsgeschäftsstellen“ (aus den Schnittzeichnungen ergibt sich, dass die Nordflügel drei Etagen und ihre historische Gestalt aufweisen).
Im Beschluss des Landtagspräsidiums vom 14.6.2006 sind Ent-wurfsziele formuliert worden, die Gegenstand des ab 7. Juli 2006 laufenden Vergabeverfahrens wurden. Darin wird ausgeführt:
„Historisch getreue Rekonstruktion der Fassaden der nördlichen Kopfbauten am Alten Markt – ggf. unter Verwendung noch beste-hender Teile des ehemaligen Stadtschlosses. …“ und „Vergaberechtlich ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei den Entwurfszielen nicht um Mindestanforderungen in dem Sinne handelt, dass nicht verhandelbare Eckpunkte vorliegen, die bei Abweichung zum zwingenden Ausschluss des Bieters führen“.
Das wiederum ist dahingehend zu verstehen, dass allen Bietern klar sein musste, dass die Kopfbauten unabdingbar historisch getreu zu rekonstruieren sind und dies sich entsprechend kostenmäßig in den Geboten niederschlagen musste. Wenn die BAM Beteiligte in dem bis zum 20.9.2007 befristeten Vergabeverfahren gewesen sein sollte, hätte sie also die Rekonstruktion in ihre Kalkulation einbeziehen müssen.
Durch B-Plan Nr. SAN-P 10 Landtagsneubau vom 4.7.2007 wird u. a. bestimmt:
„Entsprechend der Absicht, den Nordflügel nach historischem Vorbild wieder aufzubauen, werden für die Teilflächen SO 1, SO 2, SO 3, SO 5 und SO 6 (Hinweis: das ist der gesamte Bereich des Nordflügels) durch Gestaltungsvorschriften Vorgaben für die Fassadengestaltung gemacht. Hierbei wird bestimmt, dass maßgebend für den historischen Wiederaufbau die Gestaltung des Stadtschlosses in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein soll, dokumentiert in Messbildaufnahmen aus der Zeit um 1912 und Aufrissplänen aus den Jahren 1959/60, also unmittelbar vor der Beseitigung der bis dahin noch erhaltenen Gebäudeteile.“
Weiter enthält der B-Plan textliche Festsetzungen:
(Zitat auszugsweise)
„5.1 In den Baugebieten SO 1, SO 2, SO 3, SO 5 und SO 6 sind die neuen Werksteine materialauthentisch und verbandsgerecht gemäß den historischen Messbildaufnahmen … in die neue Gebäudesubstruktion einzubauen oder aufzusetzen. Die Profilabläufe der neuen Werksteine sind, soweit möglich, von den geborgenen originalen Werksteinen abzunehmen. Die Oberflächenbearbeitung der neuen Werksteine sowie die Ausbildung des Fugennetzes müssen der dokumentierten Oberflächenbearbeitung und der dokumentierten Fugenausbildung des ehemaligen Stadtschlosses entsprechen. Putzrücklagen sind entsprechend den historischen Vorbildern fein abzufilzen und entsprechend der dokumentierten Farbigkeit zu fassen.
5.3 In den Baugebieten (wie oben genannt) sind Fenster, Türen und Toranlagen in Holz herzustellen. Ihr Erscheinungsbild, ihre Teilung sowie ihre Oberflächenbeschichtung haben den historischen Vorbildern aus der Zeit um 1912 zu entsprechen.“
Also ziemlich klare Vorgaben, die noch rechtzeitig zur Erarbeitung der Wettbewerbsunterlagen vorlagen und bei deren Abgabe zwin-gend zu berücksichtigen waren.
Hier stellt sich die Zwischenfrage: „Inwieweit wird die Landeshauptstadt auf Einhaltung ihrer Festsetzungen dringen, überwachen und ggf. sanktionieren?“
Die am 27.11.2007 zugesagte großzügige Spende der Hasso-Plattner-Förderstiftung ist einzusetzen (ich zitiere) „zur größtmöglichen Wiederannäherung des Landtagsgebäudes an Gliederung und Erscheinung der äußeren historischen Fassade des Potsdamer Stadtschlosses unter Einsatz vorhandener historischer Bauteile bzw. erforderlichenfalls von Nachfertigun-gen.”
Diese Bedingung erforderte eine „präzisierte Aufgabenstellung zur Fortsetzung des wettbewerblichen Dialogs“. Am 1.4.2008 stellte der Landtagspräsident einen Antrag aus dem nur auszugsweise zitiert wird:
„Ziffer 3: … sind folgende präzisierende Entwurfsziele für die Fort-setzung des wettbewerblichen Dialoges mit den Bieterkonsortien maßgeblich:
(dritter Spiegelstrich) „Historisch getreue Rekonstruktion der Fassaden der nördlichen Kopf- und Flügelbauten am Alten Markt einschließlich deren Hoffassaden – ggf. unter Verwendung noch bestehender Teile des ehemaligen Stadtschlosses“.
Die Antragsbegründung enthält eine wichtige Aussage, was die Spende letztlich bewirkt: (Zitat) „Es zeichnet sich ab, dass unter Einsatz der Spende … bei maßvoller Modifizierung des vom Präsi-dium beschlossenen Raumprogramms eine nahezu originalgetreue Rekonstruktion der knobelsdorffschen Außenfassaden möglich ist. Das Land bekennt sich zu seiner Verantwortung für die Wiederherstellung der Stadtmitte der Landeshauptstadt und trägt darüber hinausgehende Mehraufwendungen für die weitestgehend originalgetreue Wiederherstellung der äußeren Fassaden.“ Und weiter heißt es: „Weitergehende Erwartungen/Forderungen zur 100%igen Rekonstruktion der historischen Hoffassaden und des knobelsdorffschen Treppenhauses sind unrealistisch, weil sie ein funktionierendes Raumprogramm und den Finanzrahmen überfordern“.
Am 10.4.2008 beschloss der Landtag, wie beantragt.
Fazit: Festzuhalten ist, dass seit Vorliegen der Machbarkeitsstudie die historisch getreue Rekonstruktion der nördlichen Kopfbauten verlangt wurde. Dieser Forderung mussten die Bieterkonsortien nachkommen und in den jeweiligen Geboten berücksichtigen – auch die BAM! Die Spende ermöglicht jetzt, die Mehrkosten wegen der größtmöglichen Wiederannäherung an die äußeren historischen Fassaden gegenüber einer ohnehin notwendigen Irgendwie-Fassade, zu finanzieren. Hinzu kommen die Gesamtkosten für den Aufbau der Flügelbauten, die das Fortunaportal mit den Kopfbauten verbinden. Deren Wiederaufbau war ursprünglich durch den Verein Potsdamer Stadtschloss beabsichtigt.
In einer solide errechneten Kostenschätzung hat Herr Zimmermann unter Einbeziehung einer angenommenen Preissteigerung die Mehr- bzw. Baukosten auf das Jahr 2012 wie folgt errechnet:
- für die Außenfassade, Rampe und Fahnentreppe 8.824.185,95 €
- für die Fassade Innenhof 6.034.159,12 €
- Baukosten der Flügelbauten 2.596.383,76 €
Das sind 17.454.728,83 €, also rund 18 Mio. Euro, die der BAM als Einmalzahlung nach Fertigstellung und Abnahme des Gebäudes auszukehren wären. Bis dahin wird der ursprüngliche Spendenbetrag noch über die jetzt schon vorhandenen 21,5 Mio. € anwachsen. Herrn Plattners Spende könnte in dessen wohlverstandenem Interesse wie im Beschluss vom Mai 2005 durchaus für die Attika oder gar für die eine oder andere Skulptur eingesetzt werden. Vielleicht sollte er einfach einmal gefragt werden.
Gerhart Kessler
Verein Potsdamer Stadtschloss
