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Positionspapier

In der ganzen Angelegenheit um den Landtagsneubau in Potsdam geht es überhaupt nicht darum, den Alten Fritz oder Kaiser Wilhelm oder die „gute alte Zeit“  wiedererstehen zu lassen. Es geht um ein Parlamentsgebäude für Brandenburg (und für Berlin).

In einer Demokratie ist die vornehmste Bauaufgabe überhaupt das Gebäude der Volksvertreter: das Parlament.
In ganz Europa hat man die historischen Gebäude der Monarchie völlig selbstverständlich übernommen. 13 der 16 deutschen Landesparlamente residieren in historischen Gebäuden.
Der Bundestag letztlich ja auch.
Damit kann man punkten, wenn etwa die Weltpresse anlässlich der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern das Schweriner Schloss als „den schönsten deutschen Landtag“ apostrophiert.

 

Was war das Potsdamer Stadtschloss?

Wir betrachten ein Schloss landläufig mit gemischten Gefühlen. Einerseits bewundern wir Kunst und Pracht, andererseits stößt es uns sauer auf, dass der Fürst, für den es gebaut wurde nicht gewählt wurde. Er erbte sein Amt.
Dabei waren die prunkvollen Innenräume nur der kleine Teil des Ganzen.
Ein Schloss war eben nicht persönliches Luxusspielzeug für selbstherrliche Fürsten.
Das Potsdamer Stadtschloss ist wegen seiner hohen Kunst in allen Lexika zur europäischen Architektur anerkennend vertreten.
Aber im Schloss saßen überwiegend die Verwaltung, die Finanzbehörden, Gerichte, Schreibstuben. Keller und Küche verkauften an die Bevölkerung. Im Fortunaportal befand sich das erste öffentliche Wasserklosett in Brandenburg.
Ein Schloss war Regierungsgästehaus. Dort zeigte man international (denn die Fürsten waren durch ihre europaweiten Verwandtschaftsbeziehungen international) vor, was Brandenburg leisten konnte: Die Architektur, die Möbel, das Geschirr, die Stoffe, der gute Geschmack.
Das Schloss war Expo-Pavillon für die Spitzenleistungen Brandenburgs.
Das Schloss war das, was heute Dutzende von Presseämtern, Standortmarketing-Agenturen und Wirtschaftsförderungsinstitute machen. Das Schloss war subtile Werbung für Brandenburg und sein hohes Niveau.
Das zog schon im 18. Jahrhundert Touristen an, die zu „Potsdam-Botschaftern“ wurden.
Und: ein Schloss war immer öffentlich. 
Jeder „anständig gekleidete“ hatte zu bestimmten Zeiten Zugang. Und die sich das nicht leisten konnten, gingen zum Frackverleih um die Ecke.
Das Schloss war Kulturstandort. Schlosstheater und -Oper waren öffentlich.
Es war Bildungsstandort, vom Lehrling in der Küche bis zum Studenten in der Gemäldegalerie.
Es war Wissenschaftsstandort. Der berühmteste Philosoph und Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, Voltaire, der hier vier Jahre „leicht und glücklich“ lebte, hat das selbst so gesehen.

 

Mit dem Blut des Volkes errichtet?

Keine Spitzenleistung lässt sich mit brutalem Zwang erreichen. Die Künstler und Handwerker, die am Schloss arbeiteten, wurden gut bezahlt. Der Bau eines Schlosses war ein Arbeitsbeschaffungsprogramm. Was die heimischen Handwerker hier vorführten, wurde mit Erfolg einem kaufkräftigen Publikum vorgeführt. Der volkswirtschaftliche Nutzen war enorm.
Nebenbei: der Alte Fritz war der Meinung, dass der Staat dem Bürger niemals mehr als ein Drittel seines Einkommens wegnehmen dürfe.

 

Warum das Schloss als Landtag wieder aufbauen?

Weil es passt: vom Souverän von Gottes Gnaden zum Parlament, dass den Souverän, das Volk dort vertritt.

Es ist ungeheuer wichtig, das von Krieg und Diktatur geschundene Land Brandenburg mit seiner Geschichte zu versöhnen. Denn Brandenburg Preußen war nie ein Terrorstaat. Hier sind entscheidende Schritte auf dem Weg zu einem modernen Rechtsstaat getan worden. Hier im Potsdamer Stadtschloss ist das Toleranzedikt von Potsdam verkündet worden. Der Kurfürst und seine nächsten drei Nachfolger kamen den elenden Vertriebenentrecks sogar bis an die Tore der Stadt entgegen, um sie ins Schloss zu geleiten. Und Toleranz sollte doch einer der wesentlichen Grundpfeiler unserer Gesellschaft sein. 
Hier ist die Folter abgeschafft worden und die Allgemeine Schulpflicht vor allen Anderen- beschlossen worden. Hier ist die Freiheit der USA zuerst anerkannt worden und die Bauernbefreiung vorbereitet. 
Es gibt in ganz Brandenburg kein zweites Gebäude, in dem derartig viele historische Persönlichkeiten ein und ausgingen, von Napoleon bis zu Einstein. Nirgendwo in Brandenburg sind derartig viele Entscheidungen mit Auswirkungen auf die europäische Geschichte getroffen worden.
Wenn der Landtagsbau ähnlich dem der Dresdner Frauenkirche gelingen könnte, hieße das große - auch volkswirtschaftliche- Chancen für die Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte. Ein Aufschwung der Landeshauptstadt ist auch ein Aufschwung für das ganze Land.
Wir sind sicher, dass Brandenburg mit dem würdevollen und zugleich sehr maßvollen Ornat, dem „Königsmantel“ um einen neuen Landtag Identität und Stolz gewinnen kann.

 

Und wie?

Es gibt bei solchen Rekonstruktionen Regeln, die verhindern, dass dort ein Disney-Land entsteht.
eine gute Dokumentation (Pläne, Stiche, Abbildungen, Fotographien, Bauaufmaße )
Originalteile, nach denen man den Rest ergänzen kann.
Beide Bedingungen erfüllt Potsdam in hohem Maß. Hier sind so viele originale Reste vorhanden, dass man die Potsdamer Situation, wie etwa in Berlin, beneidet.
Im Falle eines völligen Neubaus: was soll in diesem Falle mit den ganzen Säulen, Götterfiguren und Marmorskulpturen aus dem 18. Jahrhundert werden?
Schließlich ist Rekonstruktion unter den genannten strengen Bedingungen ein zukunftsweisender Trend auch bei vielen jungen Leuten in ganz Deutschland und darüber hinaus.

Der angemeldete Raumbedarf des Landtags ist nicht zu kritisieren.
Das Problem ist: er passt beim besten Willen nicht in die Kubatur des Schlosses.

Nur wenn erlaubt wird, dass Funktionsteile nach nebenan ausgelagert werden dürfen, sitzt der „Knobelsdorff Anzug“ perfekt.
Sonst platzt er aus allen Nähten und danach sieht es gegenwärtig aus.

Mitteschön - Die Initative von „Bürger für die Mitte“.

 

Erklärung der Potsdamer Innenstadtvereine

Es besteht die Gefahr, daß entgegen dem Beschluß des Landtages in der historischen Potsdamer Mitte ein seelenloser Zweckbau anstelle des Stadtschlosses errichtet wird.

Angesichts dieser Gefahr erklären die Bürgerinitiative „Mitteschön“ und die für die Wiederherstellung der historischen Potsdamer Innenstadt eintretenden Vereine:

Wir fordern die Umsetzung der vorliegenden Beschlüsse zur Wiederherstellung der historischen Potsdamer Mitte.

Dazu gehören:

  1. der Wiederaufbau des Stadtschlosses in der historischen äußeren Gestalt,
  2. die Wiederherstellung des Stadtkanals mit fließendem Wasser in voller Länge, in der ursprünglichen Tiefe und mit den historischen Brücken,
  3. der vollständige Wiederaufbau der Garnisonkirche in ihrer historischen Architektur.

Zur Umsetzung dieser Forderungen arbeiten die Bürgerbewegung „Mitteschön“ und die unterzeichnenden Innenstadtvereine so eng wie möglich zusammen.

Eine gemeinsame Anlaufstelle und zugleich Geschäftsstelle des Vereins Potsdamer Stadtschloß e.V. wurde von der Stadt Potsdam dankenswerterweise im Alten Rathaus zur Verfügung gestellt.

Potsdam, 17. Juni 2007

Christian Rüss Mitteschön! (Initiative von „Bürger für die Mitte“)
Dr. Michael Schöne Verein Potsdamer Stadtschloß e.V.
Siegfried Benn Förderverein für die Wiederherstellung des Stadtkanals in Potsdam e.V.
Johann-Peter Bauer Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. (FWG)