POTSDAMER BAUKULTUR ? – STAMMELN STATT ARCHITEKTURSPRACHE ?! von Olaf Thiede

Eingetragen bei: Allgemein, Potsdamer Baukultur

Bahnhofcenter
Wohn- und Gewerbehaus Lotte –Pulewka-Str., Zentrum Ost
Stadtbibliothek am Platz der Einheit
Medienhaus Stahnsdorfer Straße
Wohnhaus Rudolf Breitscheidstraße
Wohnhaus, kleine Straße am Mediapark/Großbeerenstraße
Neues Oberlinhaus, Alt Nowawes
Neues Oberlinhaus, Rudolf-Breitscheid-Straße
Seniorenheim Friedhofsgasse
Seniorenheim Zeppelinstraße
Gesundheitszentrum und Kindergarten Gutenbergstraße
Wohnblöcke am Bahnhof, Friedrich-Engels-Straße
Hofgebäude zum Nikolaisaal, Hof
Wohnhaus am Schragen
Wohnhäuser am Sportplatz, Kurfürstenstraße
div. Wohnhäuser am Bornstedter Feld
Erster Entwurf zur Pappelallee
Wohnhaus an der Humboldtbrücke
Sporthalle an der Zeppelinstraße
Schwimmhalle am Brauhausberg
Entwürfe zur Synagoge, Schloßstraße
usw. usw. usw. …….

Studentenwohnheime ILB Friedhofsgasse   FH Stadtschloss

Was haben alle diese Neubauten der letzten Zeit gemeinsam?

Das Bild vom ersten Entwurf zu den geplanten Studentenhäusern an der Pappelallee (Foto) zeigt es exemplarisch: Alle diese Bauten, natürlich mit obligatorischem Flachdach, zelebrieren ihre Fassaden den derzeit ach so modischen Trend der „wirr versetzten Fenster“. Willkürlich, so wirkt es zumindest, befindet sich ein Fenster hier, ein anderes dort, zwei daneben oder locker auch mal anderswo, mal groß, mal klein, mal hoch mal quer, mal fehlt eins oder auch nicht? Nein, wie originell! Oft findet man auch dünne Sehschlitze, doch zu schmal, um sich ob des Elends hinauszustürzen. Die Fassaden wirken chaotisch, sehr nervös und letztlich im Geiste orientierungslos. Hauptsache es flimmert „schön“ und der Kopf beginnt zu schwirren. Ein Zustand, wie unter Drogen – kultig! In ganz Deutschland werden überall dort wo noch Lücken sind, solcherart Unikate eins nach dem anderen, in die Stadt hineingepresst, meist ohne einen jeglichen Bezug zur Umgebungsarchitektur der jeweils gewachsenen städtischen Qualität. Mit dieser oberflächlichen „Mode“ gibt man sich international und kaschiert doch nur den Mangel an Einfühlungsvermögen und echten Ideen. Man begründet den Entwurf mit „locker“ oder „ehrlicher Architektur“, was immer das nun heißen soll. Denn schnell wird dann auch mal übel rumgetrixt, wie z.B. am Beispiel des neuen Oberlinhauses in Alt-Nowawes: Hier versprach uns das Baustellenschild, neben den obligatorisch versetzten Fenstern(!), ein Gebäude mit roter Ziegelfassade, dies zumindest passend zum gesamten historischen Oberlin-Komplex. Dazu wurde noch hübsch ein großer grüner Baum gemalt. Wäre ausreichend schön gewesen, erhalten haben wir aber dennoch eine große graue verputzte Kiste.
Also ehrlich …!

Speziell für die Stadt Potsdam (bisher noch architektonisch einmalig) ist dies definitiv kein verantwortungsvoller Beitrag zu einer gewünschten Modernität und der oft deklarierten intelligenten(!) Baukultur. Zur Gesundung der städtebaulichen Wunden trägt dieser modischer Schnick-Schnack bisher auch nicht bei. Dem Betrachter der Fassaden erschließt sich die innere Logik eines solchen Gebäudes nicht, schon gar nicht über die hierbei viel zitierte „Bauhauslehre von der inneren und äußeren Einheit“. Kult allein ist eben nur Mode – und die ist schnell vorbei.

In der Praxis wird immer mit Ökonomie argumentiert. Das Geld ist dann im Allgemeinen immer die beliebte Begründung für die schmerzhaft fehlende Ästhetik, doch dürfte solch Bau bei der aufwändigen Verschalung pro Fenster wohl kaum preiswerter sein. Fakt ist, dass dieser Art „Stil“, absolut keinen Umgebungsbezug und Ruhe aufbringt. Die öde Beliebigkeit dieser banalen, schon fast pubertären Baukastenspielerei scheint die einzige architekturphilosophische Aussage und allein daran zeigt sich die ganze Tragik. Zwischen der gewollten Intellektualität und einer tatsächlichen psychologischen Wirkung auf die Menschen klafft eine unüberbrückbare Distanz. Zum Verständnis hilft ein kleiner Selbstversuch: Wird man sich interessiert die Ästhetik einer seriösen Fassade betrachten, egal ob Barock, Jugendstil, 50er Jahr, modern …, wie lange und wie oft, und wie gern wird man dies gern tun im Vergleich zur jenen Flimmerkisten? Nach dem ersten kurzzeitigen Effekt der Aufmerksamkeit folgt hier schnell Desinteresse und Ermüdung. Die Abstumpfung der Sinne ist letztlich das reale Ergebnis.

Wie entsteht so ein Denken?

Der Computer ist heute das vorherrschende Arbeitsmittel. Auf dem rechtwinkligen Bildschirm tauchen unvermittelt irgendwo bunte rechtwinklige Buttons auf, überlagern sich und verschwinden wieder. Ein kurzzeitig verwendetes Ordnungssystem ist nur je nach Aufgabe präsent und eben auch nur virtuell. Das prägt sicherlich etwas den Blick auf die Außenwelt. So weit so gut.

Die Geburt der sog. Moderne in der Architektur liegt nun um die 100 Jahre zurück. Nach anfänglich hervorragenden Beispielen und Varianten dreht sich die Formensprache seit dem weitgehend im Kreis oder besser gesagt, sie springt ausschließlich im Viereck! Selbst die klassische Bauhauslehre spricht aber noch von den drei Grundformen Kreis, Dreieck, Quadrat, als elementare Formen der Wahrnehmung. Sie ermöglichen Differenzierung und Unterscheidung. Diese gestalterischen Grundelemente sind, bedingt durch die menschliche Psychologie, das solide Arbeitsmittel für interessante Entwürfe und variantenreicher Gestaltung (Dachformen, Fenster, Giebel Wegeführung usw.). So wurde es Jahrhunderte lang praktiziert und so konnten sich unabhängig von den technischen Voraussetzungen der jeweiligen Zeit, prinzipiell alle möglichen differenzierte Stile mit einer emotionalen Wirkung , sowie regionale und lokale Ausprägungen entwickeln. Technische Innovation und Modernität der jeweiligen Zeit sowie eine solide Experimentierfreude waren und sind dabei eine feste Basis der Gestaltung. Die alten Baumeister beherrschten über Proportion, Rhythmus und Gliederung die Kunst der Symmetrie und Asymmetrie und ihre Kombination souverän.

Wenn also heute für jegliche Fassadengestaltung dummerweise nur endlos Vierecke zur Verfügung stehen, so ist natürlich der kreative Spielraum des Architekten dauerhaft arg begrenzt. Ein Grund dieses Phänomens lässt sich sicherlich im Zeitgeist, im Investorenzwang und im Herdentrieb innerhalb der Architektur-Szene finden. Dazu kommt: Unsere ganze Erlebniswelt heute ist geprägt von extremem Wechsel der Situationen und Ebenen. In den Medien zeigt sich das im schnellen Tempo der Präsentationen, schnelle Schnitten der Bilderflut und Reizüberflutung. Auch eine Stadt als Lebensraum tausender Menschen besteht bereits aus der Häufung chaotischer architektonischer Strukturen. Wir bewegen uns zwischen Gebäudegruppen, umflossen von quirligem Verkehr in einem Meer hektischen Informationsaustausches. Und in diese Situation werden nun noch zusätzlich Objekte hinzugefügt, die in ihrer visuellen Wirkung das ganze „Chaos“ jetzt noch völlig ins Absurde treiben. In einer Riesengroßstadt wie Berlin oder Peking mag es vielleicht relativ egal sein, eine Stadt wie Potsdam jedoch, mit ihrer Aura und architektonischen Qualität, verträgt eine solch unsensible Herangehensweise nicht. Um nicht missverstanden zu werden, Potsdam ist keine kleine Provinzstadt mehr und soll es auch nie mehr werden. Aber die Qualität ihrer historischen architektonischen Substanz verlangt in ihrer intelligenten Weiterentwicklung nach Einfühlungsvermögen und kreativer Anpassung. Eine entsprechende Moderne sollte sich hier nach vorgegebenen höchsten Maßstäben messen lassen und das ist derzeit leider nicht der Fall. Tragischerweise entsteht gerade so wieder aufs Neue der Charakter von geistiger Provinz – und das in der „Stadt der Wissenschaft“!

Ausblick

Niemand will das Rad der Zeit zurückdrehen. Manch Demagoge redet in dem Zusammenhang wiederholt von „Barock-Faschismus“. Hier ist alles falsch – dümmer geht’s nicht! „Barock“ in Potsdam steht zunächst nur für das hochkomplexe Prinzip von Beziehungsarchitektur. Aufbauend auf dem menschlichen Maß führt diese Art von architektonischer Kommunikation grundsätzlich auch zu einer höheren sozialen Qualität des Stadtraums. Es geht also nicht kleinkariert um irgendeine Stilistik, um Ornamente „Schnörkel“ oder gar „Engelchen“. Sozial und ästhetisch wirkt dieses Prinzip Zeit-übergreifend und sollte daher auch für die moderne Stadtgestaltung Potsdams weitgehend als Lehrstück verstanden werden. Eine qualitätsvolle Moderne, die sensibel dem Charakter und dem ästhetischem Anspruch dieser Stadt gerecht wird, ist in Potsdam derzeit offensichtlich noch nicht angekommen. Viele hervorragende Chancen sind bisher leider vertan worden. Bei allem ökonomischen Zwang wären aber mit gutem Willen verschiedene vorliegende gute Ideen sicherlich auch ökonomisch zu realisieren gewesen.

Ein Beispiel ist die bereits oft kritisierte Enge der am Wasser gelegenen Speicherstadt. An der Schauseite des Viertels am Wasser wären sicherlich attraktive Arkaden mit Restaurants und Geschäften möglich gewesen, um den nötigen Uferweg und eine effektive Gebäudeausnutzung sinnvoll zu verbinden. Aber es wurde bis zur letzten Kante gebaut und so entstanden dann eigentlich unnötige Diskussionen über die zusätzlichen Kosten des Uferweges an einer nunmehr fast reinen Schlafstadt.

Am Brauhausberg, gleich nebenan, lauern schon die nächsten Probleme. Hier liegt noch viel Potential brach. Im Stadtzentrum, am Alten Markt scheint ein positiver Anfang gemacht. Um weiterhin das Schlimmste für die künftige Innenstadtbebauung mit ihrer fast 90% Neubebauung zu vermeiden, wurde dafür über die Initiative engagierter Bürger von „Mitteschön“ vor einiger Zeit die Idee vom „Leitbautenkonzept“ ins Leben gerufen. Es geht hier um eine sensible und solide Weiterführung der Potsdamer Baukultur. Mit dem Konzept will man über gestalterische Grundformen, Gliederung, Rhythmen und Proportionen der barocken Vorbilder variantenreich die „Pots“-Moderne partnerschaftlich an die Hand nehmen und dabei mit der Weisheit des Alten mäßigend auf Unsensibles einwirken, hin zu einem weitgehend organischen Gesamteindruck von Alt und Neu.

Nur in dieser intelligenten „Harmonie“ und ohne Einwirkung kurzlebiger Ideologie hat ein innerstädtisches Ensemble auch langfristig und nachhaltig eine Zukunft mit menschlicher Lebensqualität für alle Generationen.

Mitteschön zum Staudenhof-Wohnblock, zu Beschlüssen und Verantwortung

Das Leitbautenkonzept für die Potsdamer Mitte wurde am 1.9. 2010 von den Stadtverordneten beschlossen. Es beinhaltete neben einem kompletten Leitbau, die Wiederherstellung von sechs historischen Fassaden sowie zwei weitere, eng ans Original angelehnte Fassaden. Diesem Beschluss waren lange und viele Diskussionen vorausgegangen. Eine Grundsatzdebatte fand im Parlament vor der Abstimmung statt.

„Die Linke hatte mit einem Änderungsantrag versucht, zunächst nur das Havelufer an der Alten Fahrt und das Quartier Schlossstraße zu beplanen – auch um den preiswerten Wohnraum am Alten Markt (Staudenhofblock) erhalten zu können. Dafür fand sich jedoch keine Mehrheit“, so stand es am 2. September 2010 in der MAZ. Die Vertreter der Kooperation lobten das Konzept, die Arbeit von Klipp und das Engagement vieler Bürger, ohne die es nicht so gut hätte werden können. Der Bereich des Staudenhofes wurde klar definiert ebenso sozialverträgliches Wohnen an dieser Stelle.
Hintergrund: Pro Potsdam als Eigentümerin des Blocks schreibt schwarze Zahlen, die Mieter bezahlen derzeit im Schnitt 6, 82 Euro kalt. Der Bau ist unverantwortlich marode, hineingesteckt wird in diesen Bau nichts, da er ja einer neuen städtebaulichen Situation weichen wird.

 

       

Die Bewohner haben zu Recht Angst, die ihnen niemand bisher nehmen konnte, auch weil man ihnen suggeriert, das Problem wäre weg, wenn das Gebäude nur stehen bliebe. Mitnichten, denn wenn es stehen bliebe, müssten hohe Investitionen geleistet werden, die derzeitigen Mieten sind nicht zu halten. Eine Verdrängung der Bewohner wird dann zwangsläufig stattfinden.

An dieser Stelle den Staudenhof-Abriss noch mal neu zu bewerten, ist verantwortungslos gegenüber den Bewohnern und den Bürgern, die sich für die Mitte engagiert haben und mit dafür gesorgt, dass das Leitbautenkonzept entstanden ist. Hier werden sogar Bürger gegeneinander ausgespielt. Hier die armen Potsdamer (die aber gleichwohl so wenig Miete gar nicht zahlen für eine Wohnung mit der der Eigentümer Gewinne macht) dort die reichen Zugereisten, die eine preußische Puppenstube haben wollen. Bei Mitteschön sind auch viele gebürtige Potsdamer. Wem nützt es also? Den Bürgern keineswegs, der Stadt auch nicht. Beschlüsse sollten nicht von denen, die sie gefasst haben, nach einem Jahr wieder über den Haufen geschmissen werden, Vertrauen weckt das bei keinem. Verantwortungsvoll für die Stadt, die Bürger, das Allgemeinwohl wäre es vielmehr, wenn man sich ernsthaft mit allen Beteiligten hinsetzen würde und frei nach der Bibel „Suchet der Stadt Bestes“ über Lösungen nachdenken und reden würde. Denn hier sollten endlich Potsdamer Bürger bauen und auch Eigentum erwerben können, ob über Genossenschaftsanteile oder Bauherrengemeinschaften oder andere Modelle.

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